Wege zur Mehrsprachigkeit

(Aus: Schulzeit  - Magazin für Schule und Bildung in NRW; Nr. 1 /1998)

Französisch in der Hauptschule

,,Garçon, s'il vous plaît!" - Gekonnt nimmt Peter als ,,Garçon" die Bestellung von Monsieur Laval entgegen und serviert anschließend mit perfekter Gestik und Aussprache ein französisches Menü für die vierköpfige Familie - und ,,de l'eau" für ihren Hund. Am Nachbartisch sitzen Nicole und Michèle und beeindrucken ihren deutschen Gast Thorsten mit einer giftgrünen ,,diabolo menthe", einem Getränk aus Limonade und Pfefferminzsirup.

Die Schülerinnen und Schüler des Französischkurses der Ganztagshauptschule Tecklenburg haben ihre Rollen für die szenische Darstellung ,,Au restaurant" anläßlich des Tages der offenen Tür sehr gut gelernt. Das vielseitige Programm hat den Besucherinnen und Besuchern, den Eltern sowie den zukünftigen und ehemaligen Schülerinnen und Schülern einen anschaulichen Einblick in die Aktivitäten der dreizügigen Hauptschule und deren Leistungsfähigkeit geboten. Hierzu gehört auch ,,Französisch als zweite Fremdsprache", das seit dem Schuljahr 1991/92 im Rahmen des Modellversuches ,,Wege zur Mehrsprachigkeit" auf dem Lehrplan steht. Wenn die Klassen- und Fachlehrkräfte es befürworten, können die Schülerinnen und Schüler ab dem siebten Schuljahr vier Stunden in der Woche Französisch lernen. Ziel ist es, ihre jeweiligen Begabungen individuell zu fördern, d.h. vor allem ihre Stärken herauszufinden und zu aktivieren. Dies setzt jedoch voraus, daß sie in den Hauptfächern Deutsch, Mathematik und Englisch keine allzu großen Schwierigkeiten haben, da der Französischunterricht oftmals parallel zum Förderunterricht in den Hauptfächern stattfindet. Zwischen 15 und 25 Prozent der Schülerinnen und Schüler einer Jahrgangsstufe machen von diesem Angebot, das im Rahmen des Wahlpflicht- und Ganztagsunterrichts organisiert wird, Gebrauch.

Lehrerfahrung ist notwendig

Methodisch folgt die Schule beim Erlernen der zweiten Fremdsprache einem handlungsorientierten Lernansatz, in dem das Lernen in Gruppen eine besondere Rolle spielt. Er wird besonders im siebten und achten Schuljahr durch die persönliche Situation der Schülerinnen und Schüler in der Pubertät bestimmt. Obgleich die Lern anfänger hochmoti viert sind, muß darauf geachtet werden, daß in spielerischer und kreativer Art in kleinen Schritten vorgegangen wird. Es hat sich dabei gezeigt, daß eine langjährige Unterrichtserfahrung an einer Hauptschule in Englisch für den Aufbau des Französischunterrichts vorteilhaft ist.

Der sechswöchige Einführungskurs orientiert sich an einem im Saarland speziell für Hauptschulen entwickelten Unterrichtswerk. Später wird dann das an Real- und Gesamtschulen gebräuchliche Lehrwerk ,,Ça va bien" eingesetzt. Die Schülerinnen
und Schüler machen die Bekanntschaft mit zwei französischen Familien. Sie lernen,
sich in Situationen des Alltags zu verständigen, d.h. ihre Wünsche, Absichten,
 
Fragen, Meinungen und Gefühle in entsprechender Form zu äußern. Am Anfang des Unterrichts wird besonders das Hör- und Leseverstehen gefördert, jedoch niemals losgelöst von der Entwicklung des Sprechens und des Schreibens.

Sprache muß lebendig sein

Wesentliche Elemente des Fremdsprachenunterrichts sind neben der Handlungsorientierung
darstellend-spielerische Arbeitsformen.
Hierzu gehören:

-  Rollenspiele und Sketche
-  französische Volkslieder und Chansons
-  französisches Schulfernsehen und Filme zur

    Landeskunde
-  Interviews mit französischen Austausch

    studentinnen und -studenten oder mit

    Vertreterinnen und Vertretern der Partner-

    stadt
-  das Ausprobieren französischer Rezepte in

    der Schulküche
-  das Erarbeiten eines ,,Stadtspiels Tecklen-

    burg" (Jeu de piste de Tecklenburg) in

    französischer Sprache für Jugendliche

Als besonderes Erlebnis empfanden die Schülerinnen und Schüler einen Aufenthalt am Collège Chinchon in Montargis/Loiret Anfang Mai vergangenen Jahres. Der Kontakt zu dieser Schule wurde während eines Lehreraustausches des Pädagogischen Austauschdienstes geknüpft. Nach anfänglicher Skepsis waren 31 Eltern bereit, ihr Kind an dem fünftägigen Austausch teilnehmen zu lassen und im Gegenzug ein französisches Kind in ihrer Familie aufzunehmen.

,,Französisch in der Hauptschule" hat sich bewährt. Das Angebot weckt den Leistungswillen der Schülerinnen und Schüler und fördert ihre Persönlichkeitsbildung. Sie werden für das Berufsleben und für einen eventuellen Übergang zu einer weiterführenden Schule qualifiziert.

Johanna Naescher, Französischlehrerin
Alfred Feddermann, Schulleiter der Ganztagshauptschule Tecklenburg

 



 
Warum Schülerinnen und Schüler Französisch lernen wollen
 
"Ich möchte im Hotel eine Lehre machen, da ist Französisch wichtig."
 Martin, 16 Jahre, Klasse 10b

"Wir fahren jedes Jahr zum Camping nach Frankreich."
 Heike, 13 Jahre, Klasse 7b

"Dann kann ich neben Türkisch, Armenisch, Deutsch und Englisch auch noch Französisch lernen."
Aret, 15 Jahre, Klasse 9b

"Ich möchte nach der 10. Klasse zum Gymnasium gehen."
Nils, 15 Jahre, Klasse 10b
 
"Ich bin so gut in  der Schule, dass ich nicht in den Förderunterricht gehen muss."
 Stefan, 15 Jahre, Klasse 9a

Die Antworten gaben Schülerinnen und Schüler der Ganztagshauptschule Tecklenburg